Während sich das Jahr zum Ende neigt, stecke ich mitten in meinem Reflexions-Prozess. Ich lasse 2025 nochmal an mir vorüberziehen und überlege, welche Themen mich dieses Jahr beschäftigt haben und was ich alles erleben durfte. Ein besonderer Moment für mich als Autorin war mein erster Besuch der Frankfurter Buchmesse. So viele Eindrücke und das Gefühl, unter “meinesgleichen” zu sein, waren Teil dieser Erfahrung, wie aber auch manche Berichterstattung im Nachgang. Ich erinnere mich, wie in den Medien darüber diskutiert wurde, wer eigentlich über was schreiben darf – oder auch nicht – und habe mich selbst dabei gefragt, wer oder was das eigentlich bestimmen sollte. Im Rahmen der FBM25 ging es dabei ganz stark um das Genre “Dark Romance”, welches wieder einen eigenen, wie ich finde, eher abgelegenen, Bereich erhalten hat. Während manch einer das vielleicht positiv sieht, hatte ich eher das Gefühl, das Genre wurde bewusst abgegrenzt. Man möchte die vielen “BookTok-Fans” vielleicht nicht zwischen den “seriösen” Leser:innen und Interessierten “herumspringen” lassen. (Ist mein Eindruck zu negativ?)
Die hessenschau hat eine kurze Zusammenfassung über das Phänomen des “Dark Romance” Genres veröffentlicht. In dieser kommen Stimmen zu Wort, die zum Teil kritisch darauf reagieren, vor gefährlichen Stereotypen warnen und die “patriarchalen Strukturen” kritisieren (andere Berichterstattungen gehen hier noch weit radikaler zu Werke). Es wird aber auch erklärt, was das Genre, gerade bei jungen Frauen, so attraktiv macht. Es gebe ein Gefühl des Aufgehobenseins in konfliktreichen Zeiten, da besonders “starke” (beschützende) männliche Charaktere typisch sind. Zudem seien Gefühle, die sich bei Angst und Aufregung, aber auch bei Erotik zeigten, oft ähnlicher Natur und es wird von der “Faszination des Bösen” gesprochen.
Kurz nach der FBM25 habe ich zufällig die Politikpodcast-Folge von Jung & Naiv mit dem US-amerikanischen Journalisten und Autor Dan Savage gehört. Er geht ebenfalls darauf ein und erklärt, warum Frauen* sich oft von sexuellen Gewaltfantasien angesprochen fühlen, was häufig auf Unverständnis stößt. Laut Savage sind Frauen* sowieso ständig sexueller Gewalt ausgesetzt. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird dem nicht widersprechen können. Junge Mädchen, die in Medien und auf der Straße sexualisiert werden, Frauen*, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind und durch die Hand eines, ihr meist bekannten, Mannes im schlimmsten Fall sogar sterben, tägliche Übergriffe – verbal und physisch, die Nachrichten und Berichterstattungen sind voll davon. Der Therapeut erläutert, dass Frauen*, ihre Lebensrealität auch in ihre Fantasien übertragen, denn hier könnten sie diesen wenigstens in einem sicheren Rahmen begegnen. Viele kennen Sexualität ohne Gewalt gar nicht. Wundert es dann, dass viele Mädchen und junge Frauen sich diesen Thematiken zuwenden? Sie erleben die Welt, die sich ihnen auch oft in der Realität darbietet, wählen dafür aber einen sicheren Rahmen. Ich finde es nachvollziehbar. Meiner Meinung nach brauchen wir als Gegengewicht aber genauso viele “green flags” in Form männlicher Protagonisten. Vielleicht wäre es auch an der Zeit für Jungen und junge Männer mehr über neue Maskulinität zu schreiben. Nicht zuletzt seit der Netflix-Serie “Adolescence” wissen wir, dass es einer Gegenbewegung zu den Gewalt- und Unterdrückungsnarrativen braucht, die schon früh beigebracht werden, und der erschreckenden Incel-Bewegung. Ich denke, es wäre vorteilhaft für alle.
Eine weitere Diskussion, auch wenn sie vermutlich schon einen langen Bart hat, ist durch die Verfilmung von Caroline Wahls Roman “22 Bahnen” wieder hochgekocht. Die Bestseller-Autorin wurde dafür angegriffen, dass sie über Armut schreibt, während sie selbst in guten Verhältnissen aufgewachsen ist und keinen Hehl daraus macht, mit ihrer Kunst reich werden zu wollen. Die Empörung folgte auf dem Fuße. Es stellt sich die Frage, was daran genau empört. Dass jemand über Armut schreibt, selbst aber nicht in ihr lebt oder sie zumindest mal erlebt hat? Oder, wie Giorgia Grimaldi in ihrem Kommentar in der taz vermutet, liegt es vielleicht auch gar nicht am Inhalt, sondern in diesem Fall einfach nur daran, dass Caroline Wahl eine Frau ist. Und die sollen für viele leider noch immer lieber gesehen statt gehört werden, und schon gar nicht Ansprüche haben, die wir doch eigentlich lieber Männern zuschreiben: erfolgreich und reich sein zu wollen, dicke Autos fahren, während man sich den Energy Drink reinfährt und ‘nen Fuck darauf gibt, was andere davon halten. Grimaldi schreibt: “Ja, mächtige Frauen machen Männern Angst. Aber, noch schlimmer: Auch Frauen machen ferrarifahrende Frauen Angst. Der überwiegend weiblich angeführte Lynchmob auf Social Media ist das beste Beispiel dafür, dass Frauen noch immer an der vom Patriarchat auferlegten Scham und Zurückhaltung festhalten, wenn es um Geld geht, während jeder mittelmäßig erfolgreiche Mann einen Sportwagen fährt – was niemandem Anlass gibt, den Wert seiner Arbeit zu hinterfragen.” Sie könnte damit recht haben, denn wenn wir uns den Inhalt der Diskussion anschauen, bleibt einem nichts übrig, außer sich zu wundern: Worüber kann man denn noch schreiben, wenn nicht mehr über Erfahrungen, die man (oder vielleicht ja doch nur frau?) selbst nicht erlebt hat. Malen Maler:innen dann auch nur noch das, was sie sehen? Singen Musiker:innen nur noch ganz akkurat über ihr eigenes Leben. Sicherlich nicht. Auch die Musikerin Nina Chuba hat sich zu der Debatte geäußert. Die Berliner Zeitung berichtet von einem Interview mit dem Spiegel und zitiert wie folgt: „Als Frau in dieser Branche musst du dich ständig beweisen. Du musst immer härter für deinen Fame kämpfen als ein Mann.” Und über die Empörung zur Caroline Wahl: „Okay, wenn das wirklich kritikwürdig ist, dann kritisiert bitte auch Sebastian Fitzek. Der hat doch auch keine Leute getötet und schreibt erfolgreich Bücher über Mörder.“ Dem braucht man, glaube ich, nichts hinzufügen.
Geht es nur mir so, oder häufen sich in letzter Zeit die Diskussionen darüber, was wir als Autor:innen schreiben und als Leser:innen konsumieren sollten oder auch nicht? Hat die allgemein stärker werdende Empörungskultur letztlich auch die Literatur erreicht, oder fällt es mir in letzter Zeit nur vermehrt auf? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich immer mehr Meinung und ein vermeintliches Richtig und Falsch zu etwas höre, dass eigentlich komplett befreit sein sollte. Geschichten können – und sollen – nicht allen gefallen. Kunst hat nicht den Anspruch, immer und für alle bedeutend zu sein. Sie muss nicht nur Wahrheiten und Tatsachen wiedergeben. Sie ist individuell. Jede:r liest etwas anderes und schaut sich etwas anderes an – mit den eigenen Erfahrungen, Verletzungen, Träumen und Hoffnungen im Gepäck. Wir alle sehen durch unseren eigenen Filter und dadurch etwas anderes als die Person neben uns. Ich finde, das ist das Schöne an der Kunst und der Grund, warum sie so wichtig ist – für jedes Individuum und für uns als Gesellschaft.
Zurückkommend zu meiner Ausgangsfrage: Worüber „dürfen“ wir schreiben? Ich finde, wir alle dürfen über alles schreiben – testet die Grenzen aus, bewegt euch in ihnen, macht es unbequem oder bequem, seit authentisch, lügt, dass sich die Balken biegen. Lasst euch nicht einschüchtern, verunsichern oder den Wind aus den Segeln nehmen. Das versuche ich mir selbst auch immer wieder zu sagen.
Zu guter Letzt: Seid lieb zueinander. ♥️
Wie seht ihr das? Stimmt ihr zu oder habt ihr eine andere Meinung? Ich freue mich, wenn ihr mir schreibt.